Gravity Falls
„Why you ackin‘ so cray cray?“

Spätestens seit den Simpsons ist es kein Geheimnis mehr, dass Cartoon-Serien nicht nur Kindern vorbehalten sind. Ganz im Gegenteil, manche Cartoons sollte man definitiv nicht seinen Kindern zeigen, außer man möchte später noch mehr Zeit in deren Therapiestunden als Thema einnehmen (BoJack Horseman oder Rick and Morty sind definitiv nicht PG 13).

Gravity Falls ist dagegen eine Zeichentrickserie, die sowohl etwas für Kinder (ab 8, laut Common Sense, allerdings durchaus gruselig zwischendurch) als auch für Erwachsene ist. Sie hat alles, was eine großartige Serie für Groß und Klein braucht: sympathische und heroische Charaktere, versteckte Botschaften und Rätsel (mit Auflösung!), Selbstreflexion und Meta-Kommentare, Nick Offerman als Gast-Synchronsprecher, eine Zombie-Episode und ein Intro mit Ohrwurmgarantie.

Worum geht es?

Die zwölfjährigen Zwillinge Dipper und Mabel (geb. 31.08.1999) verbringen ihre Sommerferien bei ihrem Großonkel Stanford Pines (auch bekannt als Gruncle Stan) in Gravity Falls, Oregon. Sie merken relativ schnell, dass das ‚Mystery‘ in Gruncle Stans ‚Mystery Shack‘ (ein Touristen-übers-Ohr-hau-Laden) nicht nur eine Bezeichnung ist, um unwissenden Touristen eine Menge Geld aus der Tasche zu ziehen. Mit gelegentlicher Unterstützung von Stans Mitarbeitern, Wendy und Soos, versuchen Dipper und Mabel die Geheimnisse von Gravity Falls zu lüften. Die quälendste Frage für Dipper ist die nach dem Autor des mysteriöse Journals, welches er zu Beginn der Serie findet und das Informationen zu vielen der rätselhaften Gestalten und Kuriositäten von Gravity Falls beinhaltet.

Die Serie funktioniert nach dem ‚Monster der Woche‘-Prinzip kombiniert mit einer Geschichte, die sich mit den Charakteren und deren Entwicklung beschäftigt. Die erste Folge handelt beispielsweise von Mabels Verlangen, endlich einen festen Freund zu finden. Auf ihrer Suche nach einem geeigneten Partner lernt sie allerdings einen etwas zweifelhaften Charakter kennen. Nachdem Dipper ein mysteriöses Journal von einem unbekannten Autor findet, das paranormale Aktivitäten und Geschöpfe in Gravity Falls dokumentiert, ist sich Dipper sicher, dass Mabel einen Zombie datet.

Wir lernen also Gnome, Zombies, Gestaltwandler, Multibären und viele weitere Merkwürdigkeiten kennen. Und bekommen immer mehr Hinweise, Zahlencodes und versteckte Botschaften, die einige der Geheimnisse um den geheimnisvollen Autor des Journals und sein Verschwinden lüften.

Eine Hommage an Mysteryserien und Kindheitserinnerungen

Das Rätseln der Zuschauer außerhalb der reinen 22 Minuten Fernsehzeit ist hier definitiv intendiert vom Schöpfer der Serie, Alex Hirsch.  Nach seiner Ausbildung am California Institute of Arts und mit nur 26 Jahren startete Hirsch seine eigene Serie, Gravity Falls, bei Disney. Hirsch war sein Leben lang begeisterter Cartoonfan und wollte schon so lange er denken kann, seine eigene Zeichentrickserie erschaffen. Sein Lieblingscartoon waren Die Simpsons, die ein klassisches Beispiel für eine Kinderserie mit viel erwachsenem Humor sind. Daher rührte auch sein Wunsch, eine Serie für Jung und Alt zu produzieren. Mit Gravity Falls lebt er die Sehnsucht seiner Jugend nach Abenteuer und Mystery aus, denn seine eigenen Sommer waren nie so aufregend wie die von Dipper und Mabel.

Die verschiedenen Einflüsse von den Simpsons über Lost zu Twin Peaks und X-Files sind deutlich spürbar und machen die Serie für Erwachsene daher noch unterhaltsamer. Im Gegensatz zu manch anderer Serie wurde Gravity Falls jedoch geschaffen, um eine bestimmte Geschichte zu erzählen, deren Ende von Hirsch schon von Anfang an geplant war. Er wollte Dippers und Mabels Geschichte so erzählen, dass sie die aufgeworfenen Fragen beantwortet und danach zu Ende ist. So wie der Sommer der beiden am Ende der Geschichte auch vorbei ist. Durch diese Art der Storyplanung kommt es zu einer schlüssigen und einheitlichen Mythologie, die nicht mehr Fragen aufwirft als sie beantworten kann.

Durch diese geschlossene Geschichte war es Hirsch und seinem Autorenteam möglich, versteckte Hinweise und Botschaften in den einzelnen Folgen unterzubringen, die den Zuschauer immer etwas weiter zur Auflösung der ultimativen Frage (Wer ist der Autor des Journals) hinführen. Das Rätseln begeistert sowohl die großen als auch die kleinen Fans. Es fühlt sich etwas an wie ein ‚Choose your own Adventure‘-Buch, als könne man durch das Erraten beeinflussen, wie es weitergeht. Und es gab den Fans während der sehr langgezogenen Erstausstrahlungszeit über vier Jahre hinweg (bemerkenswert bei nur 2 Staffeln) genügend Diskussionsmaterial für mögliche Theorien zur Mythologie.

Wie Lost, nur anders

Gravity Falls hat für mich von allen Serien die meisten Parallelen zu Lost und ist zugleich auch ganz anders als Lost. Die Rätsel, die Mythologie und die Verschwörungen von Gravity Falls zeigen im Vergleich die Stärken sowie die Schwächen von Lost auf. Es ist nicht möglich und auch nicht sinnstiftend, alle Defizite oder Erfolge von Lost in diesem Beitrag aufzuzählen. Dennoch lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster mit der Aussage, dass Lost ein unbefriedigendes Ende hatte und es nicht schaffte, die vielen aufgeworfenen Fragen und Rätsel entsprechend zu beantworten und zu lösen. Gravity Falls ist hier das genaue Gegenteil.

Ich habe Gravity Falls mittlerweile zweimal durchgeschaut. Der Zeitaufwand ist dabei gar nicht so groß, denn es gibt nur insgesamt 40 Folgen. Die Sendezeit ist also eigentlich viel zu schnell vorbei, denn die Serie ist so gut, dass man am liebsten noch viel mehr über Gravity Falls, Dipper und Mabel lernen möchte. Allerdings ist gleichzeitig auch ihr Erfolg dieser begrenzten Sendezeit geschuldet. Denn die Geschichte und ihre Charaktere bekommen ein bedeutungsvolles Ende und die Rätsel und Fragen werden erklärt und aufgelöst.

Ähnlich wie bei Lost gab es auch bei Gravity Falls eine krasse Fanbase, die in diversen Internetforen jede nur erdenkliche Theorie zu den Rätseln dieser Serie aufstellte. Was bei Lost zu viel Frustration führte (sowohl auf der Fan- als auch Autorenseite), wurde bei Gravity Falls in einem wunderbaren Moment auf der Metaebene anerkannt, als Soos sagt: ‚I’m hoping all this aligns exactly with my fanfic, Stan. If not, I will be very disappointed.‘ Nachdem die Serie 2016 endete, können wir nur noch retrospektiv unter Freunden Theorien austauschen. Das Live-Rätseln mit einer Menge fremder Nerds bleibt uns leider vorbehalten.

Falls ihr als Mysteryfans nun Panik bekommt und denkt, ihr habt das Beste an der Serie verpasst, kann ich euch diesen Blog empfehlen. Der Autor hat in separaten Beiträgen für jede Folge von Gravity Falls die Handlung analysiert, einen Ausschnitt der Internet-Fanbase (inklusive deren Theorien) zum entsprechenden Zeitpunkt der Erstausstrahlung gegeben, jegliche Codes und Hinweise der jeweiligen Folge entschlüsselt und retrospektiv kommentiert, welche Elemente dieser Folge nun klar wurden, nachdem man die gesamte Geschichte und die Auflösung kannte. Hier gibt es eine Liste aller Beiträge.

Beim einmaligen Schauen fallen einem gar nicht alle versteckten Botschaften und Hinweise auf. Je genauer man beim zweiten oder dritten Mal hinschaut, desto mehr Kleinigkeiten wird man verstehen. Das Gute für alle ungeduldigen Bingewatcher (so wie mich) ist, dass es nicht notwendig ist, die Folgen mehrmals zu sehen, zwischendurch zurückzuspulen oder anzuhalten. Auch ohne tieferes Mythologie-Verständnis bekommt man eine großartige, unterhaltsame und rätselhafte Serie mit einem wunderbaren, befriedigenden Ende. Abgesehen natürlich davon, dass die Serie danach dann vorbei ist.

Diversität und Inklusion werden etwas vermisst

Ich muss allerdings zugeben, ich vermisse eine diverse und inklusive Repräsentation unter den Charakteren. Obwohl Dipper und Mabel Zwillinge sind und man dadurch annehmen könnte, dass sie einen gleichberechtigten Anteil an der Geschichte haben, wird die Mythologie bzw. ihr Entschlüsseln klar von den männlichen Charakteren der Serie vorangetrieben. Darüber hinaus besteht die gesamte Serie aus weißen Personen mit Ausnahme von Soos, seiner Mutter (beide Latinx) und Candy (Asian-American). Es gibt damit kaum People of Color.

Mabel und ihre Freundinnen interessieren und reden praktisch ausschließlich von Jungs oder Männern. Sehr viele Folgen bestehen nicht den Bechdel-Test. Die meisten Geschichten um Mabel haben ebenfalls als zentrale Motivation ihr Verlangen nach einem festen Freund. Da Gravity Falls auch eine Kinderserie ist, wäre hier eine positive und inklusive Repräsentation sehr wichtig gewesen. Denn auch Mädchen sind Abenteurerinnen und auch afroamerikanische Kinder wollen einen aufregenden Mystery-Sommer haben. Das ist für mich das einzige Manko an der sonst sehr guten Serie.

Alles in allem kann ich diese Serie sehr empfehlen. Wie wär’s wenn ihr sie gemeinsam mit jüngeren Geschwistern, Cousinen, Cousins, Neffen oder Nichten schaut und herausfindet, was die Kleineren euch beim Rätsellösen und Theorienschmieden vielleicht sogar voraus haben. Ach ja, und erwähnt vielleicht kurz, dass Jungs nicht alles sind, wofür sich Mädchen interessieren (und schaut anschließend Steven Universe als etwas vielfältigeres Cartoon).

 

Über Julia Jemals 14 Artikel
Hi, ich bin Julia und ich liebe Serien. Auf dieser Webseite teile ich meine Leidenschaft für großartige Serien und schreibe Reviews und Empfehlungen zu bestehenden und neuerscheinden Serien. Und da für mich bei einem perfekten Serienabend (oder Morgen oder Nachmittag) auch immer ein guter Snack dazu gehört, stelle ich hier meine Favoriten vor.

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