Stranger Things Review
„Friends don’t lie“

Stranger Things Review

Bevor es am kommenden Freitag (27. Oktober) mit Staffel 2 des Überraschungserfolgs Stranger Things weitergeht, blicke ich hier nochmal auf Staffel 1 zurück und bespreche einige Themen und Momente, die mir besonders aufgefallen sind.

[Diese Review enthält Spoiler…]

Worum ging es in Staffel 1

Im November 1983 verschwindet der 12-jährige Will auf mysteriöse Weise und seine drei besten Freunde (Mike, Dustin, Lucas)*, seine Mutter (Joyce), der Dorf-Sheriff (Jim Hopper), Wills Bruder (Jonathan) und Mikes Schwester (Nancy) machen sich alle, zunächst unabhängig voneinander, auf die Suche nach ihm. Die drei Freunde treffen nach kurzer Zeit auf das Mädchen Eleven, das übernatürliche Kräfte hat und den Middle School Bully dazu bringen kann, sich vor der gesamten Schule in die Hose zu machen. Viel wichtiger ist aber, dass sie scheinbar weiß, wo Will ist und wie sie mit ihm Kontakt herstellen kann.

Nachdem auch Nancys Freundin Barbara auf ungeklärte Weise verschwindet, versucht Nancy mithilfe von Jonathan Barbara und Will zu finden, die scheinbar von dem gleichen Monster verschleppt wurden. Im Verlauf der ersten Staffel erfahren wir, dass Elevens telekinetischen Kräfte das Ergebnis eines geheimen Regierungsprojekts der CIA ist (Projekt MKULTRA) und bei diesem Projekt ein Tor zu einer Paralleldimension geöffnet wurde (The Upside Down), durch welches das Monster (von den Kindern als Demogorgon beschrieben) in unsere Dimension eindringen konnte und Will, Barbara und weitere Menschen zu seinen Opfern wurden. Gegen Ende der Staffel arbeiten alle Protagonisten zusammen, um Will zu retten. Für Barbara ist es scheinbar zu spät.

*Man kann nicht mehr als einen besten Freund haben, ich weiß, Dustin!

Wie groß ist der Gruselfaktor

Ich habe mich lange geweigert die Serie zu schauen, weil ich ziemliche Schwierigkeiten habe, auch nur ansatzweise erschreckende oder gruselige Filme/Serien zu sehen. Ich habe sie dann endlich angeschaut, war dabei aber auch nicht alleine und ich muss sagen, der Gruselfaktor ist hier nicht so sehr beängstigend, sondern unterhaltend und sogar ich konnte die Serie ohne Probleme schauen. Also falls ihr auch bei dem Horror/Thriller/Mystery Genre Probleme habt, schlage ich vor, dass ihr die Serie mit jemandem zusammen schaut und bei eventuell problematischen Stellen (bei mir sind es Schreckmomente) wegschaut. Denn die Serie ist einfach großartig und ich bin unheimlich (haha) froh, dass ich es gewagt habe und bereue es nicht.

Netflix‘ magische Acht

Die erste Staffel Stranger Things hatte nur 8 Folgen. Bei anderen Netflix Serien, wie beispielsweise Thirteen Reasons Why oder Jessica Jones, wurden 13 Folgen pro Staffel gedreht. Und bei diesen Serien war immer ein Problem, dass der Plot unnötig lang gezogen wurde mit vielen lästigen Handlungssträngen, die keinen besonderen Sinn hatten. Die Macher von Stranger Things, Matt und Ross Duffer, haben mit nur 8 Folgen genau das vermeiden können. Sie haben Netflix explizit nach 8 Folgen gefragt, weil das genau die Zeit war, die sie brauchten, um ihre Geschichte zu erzählen, wie sie in diesem Interview mit Alan Sepinwall berichten. Der Plot entwickelt sich in einem angenehmen Tempo. Es wird zu keinem Zeitpunkt nervig, weil irgendein Charakter eine unglaubwürdige oder anstrengende Entwicklung durchmacht, nur um zwei weitere Episoden zu füllen.

Die Verzweiflung von Wills Mutter, Joyce, nach dem Verschwinden ihres Sohns und das Zweifeln an ihrem eigenen Verstand ist ein Beispiel für einen gelungen Handlungsstrang innerhalb der acht Folgen. Zunächst glaubt ihr niemand, als sie das Monster durch die Wand kommen sieht und sie die vielen Lichterketten aufhängt, weil sie durch diese mit Will kommunizieren kann. Allerdings erkennen Hopper, Nancy und Jonathan durch ihre jeweils eigenen Recherchen, dass Joyce genau das wirklich erlebt hat und sie bekommt somit Unterstützung von Hopper und später auch von Jonathan und Nancy. Genau zum richtigen Zeitpunkt wird Hopper klar, dass Joyce Recht hat und es bleibt spannend, glaubwürdig und interessant ohne zu frustrieren. Man hat bei jeder Folge das Gefühl, dass sie die Geschichte zu einem wesentlichen Teil voran gebracht hat. Und das ist eine sehr angenehme Abwechslung bei Netflix Originals.

Achtziger Popkultur vom Feinsten

Stranger Things ist ein Sammelsorium an verschiedensten popkulturellen Anspielungen aus den Achtziger Jahren (und auch den Jahrzenten davor und danach). Alle, die E.T., Es, Jaws, Star Wars, Alien und viele weitere Filme gesehen haben, werden die meisten Anspielungen erkannt haben. Allerdings sind nicht alle offensichtlich und direkt erkenntlich. Das Ziel der Serienmacher war es, eine Geschichte zu erzählen, die das Gefühl und die Erzählweise der Klassiker ihrer Jugend zurückbringt und nebenbei auch einen Wink an genau diese Klassiker und deren Macher darstellt.

Bereits das Stranger Things Logo erinnert stark an die Stephen King Buchcover-Schrift. Die meisten werden bei Joyce, die mit einer Axt die Wand aufhackt, weil sie denkt, dass Will in der Wand festsitzt, wahrscheinlich auch direkt an die Filmadaption von The Shining von Stephen King’s Klassiker gedacht haben müssen. Neben Stephen King war Steven Spielberg ein großer Einfluss auf die Serie. Die meisten Zuschauer werden Lichterketten an Weihnachten von nun an in einem ganz anderen Licht sehen, ähnlich wie es Zuschauer von Poltergeist damals mit TV-Geräten getan haben. Und die Verfolgungsjagd auf dem Fahrrad ist sehr nah an die aus E.T. angelehnt. Das Stranger Things Poster könnte außerdem auch das Cover für den Star Wars Film sein. Und der Weiße Hai wurde auch durch frisches Blut angelockt, genau wie der Demogorgon. Sogar das Videospiel Silent Hill war eine Inspiration der Serienmacher für den Demogorgon. Selbstverständlich ist auch die Serie Twin Peaks von David Lynch ein großer Einfluss auf den Plot und das Setdesign von Stranger Things. Und wie cool ist die Szene, als Jonathan und Nancy die Falle für das Monster in dem Byers Haus bauen, für alle Kevin Allein zu Haus und MacGyver Fans?

Obwohl sehr viele Referenzen und Anspielungen in der Serie vorkommen, haben es Matt und Ross Duffer geschafft, sie nostalgisch, aber nicht wie einen schlechten Abklatsch wirken zu lassen. Die Serie funktioniert als eigenes Kunstwerk und die verschiedenen Einflüsse und Anspielungen sorgen dafür, dass man sich melancholisch in die Achtziger oder die eigene Kindheit zurückversetzt fühlt und zwischendurch reinrufen kann „das ist aus [insert movie title here]!“.

Hier findet ihr eine Bilderstrecke mit den verschiedenen Einflüssen und Anspielungen.

Charakterstärken durch die Besetzung

Die Serie funktioniert so ausgesprochen gut, weil die Schauspieler unheimlich gut zueinander und zu ihren Rollen passen. Nehmen wir zum Beispiel Winona Ryder. Sie war in den Achtziger Jahren selber noch ein Kinderstar und hat sich nie vor dem Horrorgenre gedrückt. Sie hat beispielsweise in Edward mit den Scherenhänden, Bram Stokers Dracula und dem vierten Alien mitgespielt. In den letzten Jahren ist es aber eher still um sie geworden und sie hatte eher kleinere Rollen. In Stranger Things konnte sie dann ihr großartiges Talent noch einmal unter Beweis stellen. Sie verkörpert die Rolle der verzweifelten Mutter, die alles für ihre Kinder tut, derart authentisch und bewegend, dass sie in der ersten Hälfte der Staffel ein tragendes Moment für die gesamte Serie wird.

Die Kinderrollen sind ebenfalls großartig besetzt und funktionieren im Zusammenspiel sehr gut. Millie Bobby Brown ist eine der Kinderstars der Serie und ihre Performance in der Rolle von Eleven ist atemberaubend. Man glaubt ihr in jeder Szene, dass sie wirklich Teil dieses Regierungsprojekts war und noch nie eine Eggo Waffel gegessen hat. Ich habe selten eine derart authentisch wirkende Rolle von einem Kinderstar gesehen. Hinzu kommt selbstverständlich die gekonnte Inszenierung der Schauspieler durch das Skript und die Kameraführung. Matt und Ross Duffer erklären außerdem in diesem Interview, dass sie das Skript ab der zweiten Hälfte der Serie auch an die Talente und Charakteristiken der Schauspieler angepasst haben, nachdem sie sie und ihre Stärken besser kennenlernen konnten. So hat beispielsweise Dustin, der von Gaten Matarazzo gespielt wird, mehr Scherze und lustige Szenen bekommen, da der Schauspieler selber urkomisch ist.

Ich möchte weinen, ich möchte lachen

Die Gesamtinszenierung der Serie macht sie zu einem spannenden, rührenden und stellenweise lustigen Drama. Wahrscheinlich hat jeder ein paar Szenen, die besonders in Erinnerung geblieben sind. Ein Beispiel ist der Moment in Episode 3, als Joyce in dem Schrank sitzt und mit Will durch die Lichter kommuniziert und er ihr mitteilt, dass er nicht in Sicherheit ist. Winona Ryder hat für die Szenen mit den Weihnachtslichtern 10 Stunden am Set geheult. Und ich bin ehrlich, ich habe auch eine Träne oder zwei verdrücken müssen. Oder die rührende Umarmung von Mike, Eleven und Dustin am Steinbruch, nachdem Eleven Mike im Sprung ins Wasser abgefangen und ihm damit das Leben gerettet hat. Oder der Moment, bevor Eleven das Monster zerstört, als sie sich ein letztes Mal zu Mike umdreht und flüstert „Goodbye Mike“.

Diese unheimlich rührenden Szenen wechseln sich mit wunderbar lustigen ab: Als Dustin den Schokopuddingvorrat in der Schule findet, als die Jungs denken, dass Lucas es mit seiner Steinschleuder geschafft hätte, dass Monster gegen die Wand zuschleudern oder als Eleven zu Anfang ihre Kräfte demonstriert, indem sie den Millenium Falken fliegen (und dann desinteressiert fallen) lässt. Diese Emotionsmischung macht die Serie extrem unterhaltsam.

#WhatAboutBarb

Obwohl die Serienmacher es bei den meisten Charakteren schaffen, ihnen genügend Sende- und Entwicklungszeit zu geben, fehlt es bei einigen Figuren an Bedeutung. Als Will verschwindet, sucht die gesamte Stadt nach dem Jungen und seine Familie und Freunde sind verzweifelt, verängstigt und entschlossen, ihn zu finden. Leider ist es bei dem Verschwinden von Nancys Freundin Barbara etwas anders. Man erfährt nie, was mit den Eltern von Barbara ist, ob sie sich auch auf die Suche nach ihrer Tochter machen oder wie sie mit ihrem Verschwinden umgehen. Wir erfahren auch nur praktisch nebenbei, als Eleven nach Will in der Upside Down sucht und in dem Planschbecken in der Schule liegt, dass Barbara getötet wurde von dem Monster.

Barbara spielt zwar eine wichtige Rolle in der Serie, denn ohne sie hätte Nancy wahrscheinlich nie das Monster angetroffen und nie versucht, es zu finden und die anderen Charaktere so stark bei der Suche nach Will zu unterstützen. Allerdings wird der Figur Barbara an sich viel weniger Bedeutung und Zeit zukommen gelassen. Die Serienmacher erklären es damit, dass die Serie die Geschichte von Will, seiner Familie und seinen Freunden erzählt und eben nicht von Barb oder von all den Leben, die das Monster zerstört oder beeinträchtigt hat. Dennoch fiel das Schicksal von Barb vielen Menschen auf und der Hashtag #WhatAboutBarb entstand auf Twitter. Wie das obige Video zeigt, ist die Geschichte um Barb in Staffel 1 beendet worden und sie wird nicht zurückkehren in Staffel 2.

Was passiert als nächstes

Wir sehen bereits am Ende der letzten Folge, dass alle Charaktere nach den schrecklichen Ereignissen versuchen, zu einem normalen Leben zurückzukehren. Die Jungs spielen wieder Dungeons & Dragons (diesmal mit einem neuen Monster), Mike versucht den Verlust von El zu verarbeiten, die Byers feiern gemeinsam Weihnachten in ihrem Haus (es tut mir so leid, dass sie immer noch in diesem Haus wohnen müssen!) und Nancy verbringt mit ihrer Familie und Steve, mit dem sie scheinbar immer noch zusammen ist, die Feiertage. Allerdings sehen wir auch Will, wie er im Badezimmer eine Alien-Schnecke aushustet, dass Hopper für El etwas essen und Eggos in einer Box im Wald ablegt, und dass zwischen Nancy und Jonathan vielleicht doch noch etwas Romantik steckt?

Eine große Frage am Ende der Staffel 1 war auch, ob Brenner wirklich vom Demogorgon umgebracht wurde oder ob er noch lebt. Denn die Kamera dreht weg, als sich das Monster in der Schule auf Brenner stürzt. Wie die Macher der Serie in diesem Interview bereits andeuten, ist Brenner noch nicht tot und wir müssen damit rechnen, dass er auch in der zweiten Staffel eine Rolle spielen wird.

Die zweite Staffel wird vermutlich zu Beginn zeigen, wie die Charaktere versuchen, mit ihren durch das Monster veränderten Leben umzugehen. Wie wir bereits in den Trailern sehen konnten, wird El zurückkommen, allerdings äußerlich sowie charackterlich deutlich verändert. Will scheint nun eine Art Gate in die Upside Down Dimension zu sein. Das Department of Energy wird mit dem neuen Charakter Dr Owens versuchen, die Ereignisse aus Staffel 1 unter Verschluss zu halten. Und eine Reihe weiterer, neuer Figuren werden für neues Konfliktpotential und Rätsel in der zweiten Staffel sorgen. Falls ihr mehr Spoiler lesen wollt, gibt es hier eine gute Übersicht über die potentiellen Ereignisse und Veränderungen in Staffel 2.

Ich habe Lust, mich noch ein bisschen überraschen zu lassen und freue mich auf einen Stranger Things-Abend nächste Woche Freitag.

 

 

Über Julia Jemals 13 Artikel
Hi, ich bin Julia und ich liebe Serien. Auf dieser Webseite teile ich meine Leidenschaft für großartige Serien und schreibe Reviews und Empfehlungen zu bestehenden und neuerscheinden Serien. Und da für mich bei einem perfekten Serienabend (oder Morgen oder Nachmittag) auch immer ein guter Snack dazu gehört, stelle ich hier meine Favoriten vor.

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